Clarino Print (Interview)/D, Nov 2010
ICH HABE MUSIKALISCH DAS GEFÜHL, DASS ICH ANGEKOMMEN BIN!HERR DRECHSLER - LAUT ODER LEISE?
Leise. Je älter ich werde, desto mehr komme ich darauf, dass man nicht immer laut spielen muss, um etwas zu sagen. Zumal häufig die Tradition gepflegt wird: lauter, schneller, höher. Das ist in den meisten Fällen kontraproduktiv und verschreckt den Zuhörer eher als dass es ihn interessiert. Ich spiele viel leise und ich liebe es, leise zu spielen.
DAS WIRD AUCH AUF DER NEUEN CD DEUTLICH.
Mit den Celli ist man von vorne herein schon eingebremst. Da kann man nicht Vollgas spielen. Die Bassklarinette ist an sich auch ein etwas leiseres Instrument - im Vergleich zum Saxophon oder zur Trompete. Das Instrument klingt auch einfach nicht mehr gut, wenn man es überspielt. Dann fängt es an zu quitschen und dann ist es aus...
INDIVIDUAL- ODER MANSCHAFTSSPORT?
Das Quartett ist Mannschaftssport. Es ging mir bei der Idee darum, einen neuen Gesamtklang zu entwickeln. Ich wollte nicht das 3000. Klaviertrio oder das 5000. Saxophonquartett. Ich wollte wirklich ganz was Neues machen. Nun ist meine Bassklarinette schon exotisch und Celli sind noch exotischer. Und das klingt eben nur als Mannschaftssport.
WIE SIND SIE DENN AUF CELLO GEKOMMEN?
Das Cello ist für mich vielleicht das emotionalste, erotischste Instrument. Und ich wollte immer schon etwas mit Cello machen. Um das klanglich auszudrücken, was ich mit dem Quartett versuche, habe ich mindestens zwei gebraucht.
DIE CD HEISST "CONCINNITY", WAS UNTER ANDEREM "AUSGEGLICHENHEIT" ABER AUCH "HARMONISCHE ZUSAMMENFÜGUNG" BEDEUTEN KANN. AN WELCHEN BEGRIFF HABEN SIE DA GEDACHT?
An beide. "Harmonische Zusammenfügung" deshalb, weil diese Art von Musik nur im Teamwork funktioniert. Die ist nicht klassisch - Solist plus Rhythmusgruppe - sondern auf eine Band ausgelegt. "Ausgeglichenheit" hat mehrere Bedeutungen in dem Zusammenhang. Zum einen, weil ich die verschiedenen Musikstile, die ich in den letzten Jahren gemacht habe - und teilweise sehr kontrovers waren - , endlich einmal in einem Projekt vereint habe. Und zum anderen bin ich jetzt ja knapp über 40 und werde langsam ausgeglichener. Ich habe das Gefühl, ich spüre, dass ich "angekommen" bin.
DIE STÜCKE AUF DER CD HABEN SIE ALLE SELBST KOMPONIERT. INSPIRATION ODER TRANSPIRATION?
Alles Inspiration. Ich habe ja sehr spät, erst vor fünf, sechs Jahren mit dem Komponieren angefangen, weil ich mich nicht getraut habe. Es gibt so viel belanglose Musik und so viele belanglose Kompositionen und im Jazz werden Kompositionen oft nur als Vehikel benutzt, um zu zeigen, wie toll man spielen kann. Mir aber ging es darum, mit meinen Stücken eine Geschichte zu erzählen und die Leute direkt zu erreichen. Da spielt Emotion eine ganz grosse Rolle und ein hoher Wiedererkennungswert. Ich versuche, schöne Melodien zu schreiben, ich bin einfach ein Fan von schönen Klängen. Meistens läuft es so ab, dass ich morgens aufwache und eine Idee habe. Dann setze ich mich ans Klavier und versuche, die auszuarbeiten. Und wenn es nicht hinhaut, lasse ich die liegen, greife sie immer wieder auf. Ich bin nicht derjenige, der sich gezielt hinsetzt und sich vornimmt, ein Stück zu schreiben.
SIND SIE AUTODIDAKT?
Jein. Ich habe Saxophon studiert und im Zuge dessen auch Arrangement und Komposition belegt. Doch da habe ich nie aufgepasst, gebe ich zu. Ich habe da grosse Lücken. Ich komponiere nach Gefühl. Was für mich richtig klingt, das ist auch richtig.
FRÜHAUFSTEHER ODER NACHTARBEITER?
Frühaufsteher. Ich habe Familie, ich habe zwei Kinder. Ich stehe in der Regel um sechs Uhr auf, mache dann meinen Sport oder mache Frühstück. Um acht fange ich an zu arbeiten. Ich habe dann Zeit bis zum Nachmittag um fünf, weil dann die Kinder wieder aus der Schule kommen. Dann ist Feierabend - also ein ganz normaler Tagesablauf.
SIE SPIELEN HEUTE BASSKLARINETTE ABER DAMIT HABEN SIE JA NICHT ANGEFANGEN, ODER?
Nein, ich habe in der Blaskapelle Klarinette gelernt und wollte ursprünglich klassische Klarinette studieren. Das wurde mit Unterricht in Stuttgart an der Staatsoper auch vorbereitet. Mit 16 habe ich dann angefangen, Saxophon zu spielen und habe dann erkannt, dass die klassische Schiene mir zu trocken gewesen wäre - um dahin zu kommen, wo ich hin wollte. Die Klarinette habe ich dann, weil sie für mich das personifizierte Böse war, für einige Jahre ad acta gelegt. Ich habe Saxophon studiert, musste hier aber auch Klarinette absolvieren. Das habe ich auf der Bassklarinette gemacht. Da habe ich festgestellt: das ist mein Instrument.
NOCH MAL ZUR BLASKAPELLE: JOHANN STRAUSS ODER PAUL HINDEMITH?
Da kann ich nicht wirklich trennen, denn ich habe ja beides gemacht. Ich weiss heute auch gar nicht mehr so genau, warum ich damals Klarinette spielen wollte. Meine Mutter hat mir mit sechs Jahren den ersten Klavierunterricht angedeihen lassen - den ich erfolgreich abgewehrt habe. Ich habe dann mit neun von mir aus gesagt, dass ich gerne in die Blaskapelle gehen würde. Nach zwei Jahren hat sich das Interesse an der Klassik dann entgültig herauskristallisiert.
IM JAZZ: GUNTHER HAMPEL ODER GIANLUIGI TROVESI?
Wenn, dann eher Trovesi. Es gibt allerdings nicht viel Klarinettenmusik, die mich inspiriert. Viel Inspiration hole ich mir von Klaviermusik. Johann Sebastian Bach etwa höre ich täglich. Mit den französischen Klarinettisten, Louis Sclavis etwa, kann ich irgendwie nichts anfangen. Ich finde das irre, wie die spielen können - das werde ich nie können. Aber das sind viel zu viele Informationen und es bleibt viel zu wenig hängen.
KOPF ODER BAUCH?
Ich bin ein reiner Bauchmensch. Das Wichtigste an der Musik ist die Emotion. Und da ist der Ton, der kleinste musikalische Nenner, meine Stimme, anhand derer der Hörer in Sekundenbruchteilen entscheidet, ob er meine Musik mag oder nicht. Heutzutage ist es ja so, dass Leute, die sich aufraffen ein Konzert zu besuchen, zumeist einen anstrengenden Tag hinter sich haben. Im Konzert will man sich nicht mehr anstrengen müssen. Und mit Emotion kann ich die Leute erreichen. Wenn ich mich hinstelle und alle Tonleitern, die ich jemals gelernt habe, im Affentempo rauf und runter spiele, dann ist das fünf Minuten spannend. Es bleibt aber nichts hängen, weil die Leute überfordert sind. Wenn ich selber Musik höre, achte ich immer darauf, ob sie ehrlich gemeint ist oder ob es "nur" ein technisches Meisterwerk ist. Mich berührt nur die Musik, die emotional ist.
SIE SPIELEN ALSO AUCH UND VOR ALLEM FÜRS PUBLIKUM?
Das ist natürlich eine Gratwanderung. Zum einen soll es mich fordern, will ich vorankommen, soll es Spass machen, und zum anderen möchte ich natürlich nicht vor drei Intellektuellen spielen, die sich hinterher darüber Gedanken machen, ob das jetzt Kunst war oder (wienerisch) "an Blädsinn". Ich spiele für den Zuhörer, der gerne Musik hört und der auch gerne einmal etwas neues hören will. Ich erhebe für mich nicht den Anspruch, Kunst machen zu wollen. Als Musiker ist man Entertainer - egal was man macht. Das ist aber das, was viele meiner Kollegen übersehen. Viele stehen auf der Bühne und spielen mehr für sich als für ihre Umwelt. Als Zuhörer fühlt man sich oft allein gelassen.
DOWNLOAD ODER VINYL?
CD. Ich bin begeisterter CD-Käufer und höre unheimlich viel Musik. Dadurch kommen auch viele meiner Projekte zustande. Ich schnappe viel auf, was mir gefällt und überlege, wie ich das in meine Musik einbinden kann. Ich bin aber keiner, der eine Platte kauft und sie zu Tode analysiert. Ich hörs mir einfach an. Und wenns mir gefällt, bleibt was hängen und wenn nicht, dann sage ich "nette Platte" - und trage sie vielleicht in den Second-Hand-Laden.
WIEN ODER BERLIN?
Wenn ich 15 Jahre jünger wäre, würde ich wahrscheinlich Berlin sagen, weil es eine spannende Stadt ist. Doch mit 41, mit Familie, da tickt man ein bisschen anders. Ich lebe sehr gerne ihn Wien weil es eine schöne, eine sichere Stadt ist. Und weil es an Lebensqualität mehr bietet als Berlin. Ich brauche für mich ein eher gemächlicheres Tempo. Da fühle ich mich wohler.
WIE SIND SIE DENN NACH WIEN GEKOMMEN?
Ich wollte ursprünglich in Hamburg studieren, habe dort aber die Aufnahmeprüfung nicht bestanden. In Deutschland sind die Aufnahmeprüfungen immer im Frühjahr, in Österreich im Herbst. Meinen Eltern zuliebe bin ich dann wohl ein bisschen zu entspannt nach Graz gefahren - und bin genommen worden. Unter grossem Protest bin ich dann dorthin gezogen. Auf der einen Seite: Hamburg, eine tolle spannende Stadt. Und auf der anderen: Graz, das war damals noch Europa.-Aussengrenze. Eine kleine, wunderschöne aber langweilige Stadt. Nach sechseinhalb Jahren Graz war der nächste Weg dann Wien.
WEIN ODER BIER? HEURIGER ODER BIERGARTEN?
Das wechselt (lacht). Das hängt von der Tagesform ab. Das ist wie bei der Musik. Mal spiele ich mehr, mal weniger. Beides bekommt mir mal besser, mal schlechter. Das hängt auch von der Jahreszeit ab. Im Winter eher Bier, im Sommer eher Weisswein. In Bayern trinke ich natürlich gerne Weissbier.
HOTEL ODER HÜTTE?
Eher Hütte. Meine Frau und ich sind uns da total einig: Wir wollen im Urlaub Ruhe haben. Wir haben uns dieses Jhr eine Ferienwohnung in Italien gemietet und haben nur drei wochen aufs Meer geschaut.
ACTION ODER ENTSPANNUNG?
Entspannung. Noch nicht einmal, weil man im Beruf viel unterwegs ist. Aber der Alltag ist generell anstrengender geworden. Wenn man Kinder hat ist man total aufs Organisieren konditioniert. Morgens Frühstück machen, Kinder in die Schule bringen, dann "ratterratterratter" Aufgaben abarbeiten. Und mit der ganzen Telekommunikation hat man heute ja keine ruhige Minute mehr. Heute ist man ständig erreichbar. Früher, bei meinen Eltern, wenn man nach neun irgendwo angerufen hat, war das ein Riesen-Fauxpas. Das machte man nicht. Und die heutige Telekommunikation führt ja paradoxerweise dazu, dass die Menschen verlernen, direkt miteinander zu kommunizieren.
WIE WICHTIG IST IHNEN DIE KOMMUNIKATION?
Als Musiker hat man den Vorteil, dass man mit sich selber sehr gut kommunizieren kann: im stillen Kämmerlein, jeden Tag mit seinem Instrument. Da bekommt man ein Gefühl dafür, wie man tickt. Wenn ich entspannt bin, tue ich mich beim Üben leichter, wenn ich gestresst bin, ist es die Hölle. Dafür haben aber viele Musiker Probleme, nach aussen zu kommunizieren. Meine Art, Musik zu machen, ist für mich der nachhaltigste und leichteste Weg, mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Es ist mir ein Anliegen, auf ehrliche Art und Weise den Menschen meine Geschichte zu erzählen.
SCHAUSPIELER KÖNNEN UND WOLLEN OFT IHRE FILME GAR NICHT MEHR ANSEHEN. IST DAS BEI MUSIKERN UND IHREN CDS ÄHNLICH?
Natürlich ist ein Album eine Momentaufnahme. Du gehst ein paar Tage ins Studio und hast Dein Bestes gegeben. Danach ist es eigentlich abgeschlossen, Du kannst sowieso nichts mehr ändern und willst es eine Zeit lang auch nicht hören. Dem fertigen Album geht ja auch eine intensive Vorbeschäftigung voraus. Die aktuelle Platte wurde im Dezember aufgenommen, bis April war sie dann fertig gemischt. Im September habe ich dann zum ersten Mal reingehört - und sie auch für ganz o.k. befunden (lacht)
IST JEDE NEUE CD AUCH DIE ERNEUTE SUCHE NACH SICH SELBST?
Ich hatte ein bisschen das Problem, dass ich studiert habe. Ich hatte zehn, fünfzehn Lehrer und jeder hat mir ein bisschen etwas anderes erzählt. Ich habe natürlich alles ernst genommen, was dann dazu geführt hat, dass ich eine grosse Wolke an Information hatte, ohne zu wissen, was ich damit anfange und was für mich wichtig ist. Ich habe sehr lange gebraucht, herauszufinden, was ich für Musik machen möchte. Der erste Schritt war, dass ich Musik machen wollte von der ich leben konnte: "Café Drechsler", ein Nu-Jazz-Drum-n-Bass Projekt, das sehr erfolgreich war. Das allerdings hatte mit meinem wahren Wesen nicht viel zu tun. Das war laute, teilweise brutale Musik, die darauf ausgelegt war, die Leute zum Tanzen zu bringen. Im Laufe der Zeit habe ich dann unterschiedliche Projekte gemacht um herauszufinden: "Wer bin ich denn eigentlich". Dafür habe ich zehn Jahre gebraucht. "Concinnity" ist die erste Platte, mit der es mir wirklich gelungen ist, alles was mich musikalisch ausmacht, meine Stärken, meine Schwächen, auf eine harmonische Art und Weise zu verbinden. Ich habe musikalisch das Gefühl, dass ich angekommen bin. ES fühlt sich richtig an. Es gibt Leute, für die ist es das Wichtigste, Stücke in allen zwölf Tonarten zu beherrschen oder noch 25 Schläge schneller zu spielen. Für die ist das der Lebensinhalt - und das ist auch o.k. so. Ich möchte an den Punkt gelangen, an dem ich musikalisch total authentisch bin. Ich "missbrauche" die Musik dazu - ganz kitschig gesagt - um ein besserer Mensch zu werden. (Klaus Härtel)
