Ulrich Drechsler

Concerto/A, Apr 2012

MUSIK JENSEITS DER WORTE!


Der Geräuschpegel im Publikum ist ein untrügerischer Gradmesser für die Aufmerksamkeit, welche die Zuhörer der Musik schenken. Dies gilt umso mehr
bei Konzerten, bei denen sich die Musik generell auf einem eher niedrigen Lautstärkepegel abspielt. Wenn es mucksmäuschenstill ist und sogar die Soli – obwohl es allen Grund dazu gäbe – nicht beklatscht werden, nur um
die Spannung nicht zu unterbrechen, dann bedeutet dies, dass das Publikum gefesselt ist.
So geschehen bei der CD-Präsentation von Ulrich Drechslers neuem Album „Beyond Words” im Wiener Porgy & Bess. Obwohl Publikum und Kritik noch viel
Potenzial in Ulrich Drechslers Cello Quartet gesehen haben und sich nach „Concinnity” (enja, 2010) nur allzu gerne ein weiteres Album dieser ungewöhnlich besetzten Formation gewünscht hätten, eröffnet Ulrich
Drechsler wieder ein neues Kapitel in seinem mannigfaltigen musikalischen Entwicklungsprozess.

Waren Coolness und Hipness nicht unwesentliche Attribute seines erfolgreichen Bandprojekts Café Drechsler (später Drechsler), so sieht es bei seinem aktuellen Projekt doch gänzlich anders aus. Ulrich Drechsler
muss niemandem mehr etwas beweisen. Es gehe ihm nicht mehr darum, besonders ambitioniert und progressiv zu sein, so der Musiker. Das Ziel, welches er mit „Beyond Words” erreichen will, ist simpel formuliert: „Es sollte
einfach schöne Musik werden, die mein Herz, meinen Geist und meine Liebe zur Musik widerspiegelt.”
Drechsler steht zu seinem ausgeprägten Faible für Schönklang. Dass er mit diesem musikalischen Ansatz auch in der Lage ist, das Publikum für sich zu gewinnen, hat er immer wieder bewiesen; man denke etwa an seine Zusammenarbeit mit dem norwegischen Pianisten Tord Gustavsen.

Drechsler, der gebürtige Schwabe, studierte in den 90er-Jahren an der Musikuniversität Graz. Seit mehr als einer Dekade lebt und arbeitet er in Wien. In den letzten Jahren hat sich für den ausgebildeten Saxofonisten
die Bassklarinette zum Hauptinstrument entwickelt. Kommt dieses Instrument bei den meisten Reed-Spielern nur sporadisch zum Einsatz, gibt einem Ulrich Drechsler die Möglichkeit, sich so richtig in den wunderbar warmen
Sound dieses Holzblasinstrumentes hineinzuhören und sich von seinem breiten
Soundspektrum überraschen zu lassen.
Drechsler weiß den großen Tonumfang der Bassklarinette auszunutzen, verblüfft mit dem Variantenreichtum der klanglichen Möglichkeiten, mit denen er seinen Gefühlen Ausdruck verleiht. Sein Ton bleibt bis in die
höchsten Lagen voll und zentriert.

Für sein aktuelles Trio hat Ulrich Drechsler zwei Musiker der neuen Generation mit ins Boot geholt. Was er an den beiden besonders schätzt, ist, dass sie „komplett unvoreingenommen, voll frischer Ideen und mit überwältigender Energie an die Sache herangehen.” Einer der beiden ist der 28-jährige Pianist Benny Omerzell. Der gebürtige Vorarlberger hat wie Drechsler an der Musikuniversität Graz studiert. Im Trio leistet er in der Tat sensationelle Arbeit. Mit viel Gefühl und Kreativität legt er das harmonische Grundgerüst, erzeugt die schillerndsten Klangfarben und
setzt rhythmische Akzente. Sein Ton ist auf dem Fazioli-Flügel (Porgy & Bess) wie dem Steinway (Album) gleichermaßen brillant und rund.

Am Schlagzeug werkt der aus dem Umfeld der Jazzwerkstatt Wien kommende Lukas König mit äußerster Bedachtsamkeit und Sensitivität. Ulrich Drechsler findet die Triobesetzung geradezu ideal, biete sie doch genug Möglichkeiten, um ein breites musikalisches Spektrum abzudecken. Gleichzeitig sei sie intim genug, dass man einander wirklich zuhören könne. Der Bassklarinettist verzichtet ganz bewusst auf den Einsatz eines Basses, damit die Musik – wie er es formuliert – „schweben” könne.

Vokale Bereicherung durch Efrat Alony Bei zwei Stücken des Albums „Beyond
Words” ist die israelische Sängerin Efrat Alony als Gast zu hören. Sie begleitet die Band übrigens auch auf der aktuellen Tour und hat
dabei die Gelegenheit, sich etwas mehr als im Album einzubringen. Es klingt kurios, aber bis zum Aufnahmetag im Studio kannte man einander nur vom Telefon. „Und doch”, so Ulrich Drechsler „fühlte sich das Zusammenspiel
an, als ob es jahrelang kultiviert worden wäre.” Wer Efrat Alony gehört hat, weiß, was er damit meint, wenn er sagt: „Ihre Stimme ist einfach nur wunderschön, sie berührt mich tief.”
Die in Berlin lebende Sängerin verzaubert mit ihrer eigenwilligen, ausdrucksstarken Stimme, die sich durch eine gewaltige dynamische Range und Modulationsfähigkeit auszeichnet.

Stets im Hinterkopf hat Ulrich Drechsler beim Musizieren eine schier unerreichbare Idee: „Mein größtes Ziel beim Musikmachen ist es, DEN einen Ton zu spielen. Den, der alles, was ich ausdrücken möchte, in sich vereint.
So dass es jeder spüren kann: Liebe, Freude, Weisheit!”

Aus der Sicht des Hörers wäre es wirklich wünschenswert, wenn Ulrich Drechsler mit diesem Trio und nicht zuletzt auch mit der Sängerin Efrat Alony weiterarbeiten würde. Sollte er sich aber auf der Suche nach „DEM
Ton” doch für einen anderen Weg entscheiden, kann man davon ausgehen, dass es ihm gelingen wird, das Publikum auf neue Art und Weise zu fesseln. (Jörg Weitlaner)